Kulturelle Unterschiede in Sachen Dessous

Schöne Unterwäsche ist eine Frage des persönlichen Geschmackes - unabhängig von Kultur, Religion und Wohnort. Und jedoch stehen die unterschiedlichen Dessous-Vorlieben der Frauen mit verschiedener kulturellen, religiösen und ethnischen Zugehörigkeit in unmittelbarer Verbindung damit.

Bekannte Stereotype

Man kennt sie, die stereotypischen Äußerungen bezüglich der Weiblichkeit und Verhaltensmuster der Vertreterinnen mancher Nationalitäten. Es heißt, französische Frauen seien zierlich und frivol, englische Frauen - stolze Besitzerinnen einer üppigen, großen Büste und über Amerikanerinnen sagt man, sie seien sehr prüde.

Und wie stehen muslimische Frauen verführerischen Dessous gegenüber? Dies ist die Frage, die im Weiteren erörtert werden soll.

Die Kunst der Verführung in islamischen Ländern

Dass arabische Frauen eine Vorliebe für bodenlange Nachthemde haben, die zudem langärmelig sind (bis zu den Fingerkuppen), ist eine bekannte Tatsache. Sie tragen solch lange Nacht- und Unterhemden, dass sie fast auch noch die Füße bedecken. Trotz des nach außen hin biederen Aussehens, bevorzugen Frauen in muslimischen Ländern sehr reizvolle, qualitative Unterwäsche oder Dessous aus Spitze und Seide.

Die Kunst der Verführung in muslimischen Ländern wurde von Mutter zu Tochter weitergegeben als einzig mögliche Lernquelle.

Zurzeit wird die Dessous Kultur in muslimischen Ländern, wie fast alle Bereiche auch, vom Westen und der modernen, neuen Zeit beeinflusst. Das Unterwäsche-Spektrum ist vielfältig: von den einfachsten bis hin zu den exquisitesten, mit Goldfäden genähten Modellen, ist alles vorhanden.

Selten sind es die Männer, die Reizwäsche für ihre Frauen kaufen. Meist erledigen die Damen den Dessous-Kauf unter sich.

Lingerie ist zu einem wesentlichen Teil der Hochzeitsausstattung geworden. Wenn es nicht der Bräutigam ist, der die Dessous für seine zukünftige Frau kauft, macht das entweder die Braut selbst oder ihre Mutter. In manchen Fällen kommen bis zu dreißig Outfits für die Hochzeitsnacht zusammen.

Außerdem haben die Frauen heutzutage mehr Mut dazu, Dessous an öffentlichen Orten zu kaufen, vor allem mit weiblichen Verkäuferinnen als Beraterinnen.

In früheren Zeiten ließen wohlhabende Familien besondere Dessous in einzigartigem Stil und feinster Qualität von geschickten Meisterinnen in Sachen Dessous anfertigen. Für die dem „Harem“ angehörenden Frauen dienten schicke Dessous als essentielles Verführungsobjekt, unerlässlich in deren Garderobe.

Die Quintessenz des Themas der Dessous in der arabischen Welt ist, dass diese ausschließlich dem Ehemann vorzuführen sind. Denn der Islam ist nicht gleich mit Lustfeindlichkeit zu setzen und Verführung ist durchaus erlaubt, solange diese sich innerhalb der Ehe abspielt.

Diskrepanzen in der muslimischen Dessouswelt

Die Besucher arabischer Länder, die bereit sind, in die muslimische Welt einzutauchen, sind verblüfft von der Widersprüchlichkeit zwischen der ausgestellten verführerischen Dessous und der traditionellen Gesellschaft, in der die Zahl der verschleierten Frauen erheblich dominiert.

Innovative Lingerie aus Syrien vermittelt sinnliche Verspieltheit, indem beispielweise Pailletten, Perlen, Stickereien und Fransen eingesetzt werden, um BHs und Unterhosen-Sets reichlich zu schmücken. Einige Dessous-Sets emittieren Musik oder vibrieren, andere enthalten Beleuchtungen. Unterwäsche kann auch essbar sein, manchmal verbergen sich im deren Inneren Pralinen oder gar Eier. Es gibt gestrickte einteilige Ganzkörperanzüge und Kostüme, beeinflusst von der Kleidung für den Bauchtanz. Im Allgemeinen beweist die Wäsche eine gewisse Verspieltheit dank Anbringen von komischen Details wie Strings aus Kunstpelz mit Handy-Haltern etc.

Im Grunde gilt es: eine traditionelle Kultur ist einer postmodernen zugewandt. Der syrische Schriftsteller und politischer Aktivist Ammar Abdulhamid beschreibt die syrische Kultur als ein Spektrum unterschiedlicher kultureller Werte, die tausende Jahre durchkreuzen, aber alle jetzt existieren, in einem einzigen Augenblick.

Syrische Gesellschaft geht mit festem Schritt auf die Sexualität zu

Syrische Gesellschaft befasst Sexualität frontal und sieht sie auf eine sehr direkte Art und Weise, was für einige Leute seltsam ist, weil es angeblich um eine konservative Gesellschaft geht. Es gibt offene Diskussionen über Sexualität auch in gemischten Versammlungen von Männern und Frauen und es ist manchmal egal, ob die Leute religiös sind oder nicht. Generell sind sexuelle Witze allgemein gebräuchlich in der syrischen Gesellschaft.

Subkulturen in Syrien sehen die Sache mit den Dessous wiederum unterschiedlich. Die Haltung zu den exotischen Dessous variiert, wahrscheinlich hängt es mit einer bestimmten Klasse oder Religion zusammen. Dass moderne Unterwäsche nicht sexy sein darf, ist eine sehr altmodische Vorstellung von Sexualität in den weniger gebildeten Klassen in Syrien.

Für die Christen ist die Unterwäsche nichts anderes als peinlich und altmodisch, für Muslime ist es etwas ganz Normales – sie akzeptieren sie nicht nur, sie genießen sie auch. Generell gilt es: Je religiöser ein Gebiet ist, desto gewagter die Unterwäsche. Muslimische Frauen haben weniger Freiheit nach außen und so kompensieren sie diese mit sinnlicher, auffallender Wäsche zu Hause - so die moderne Auffassung der Einheimischen in Syrien.

Boom der Lingerie Märkte in muslimischen Ländern

Hinter ihrer bescheidenen Straßenkleidung, tragen viele Frauen in arabischen Ländern offenbar nordamerikanische Dessous, da westliche Unternehmen in diese Märkte expandieren. Diese Frauen sind sehr modebewusst. Sie kennen die Trends und somit ist der Einzelhandel in einem sehr schnellen Tempo gewachsen. Denn Frauen, egal ob Muslime oder Zugehörige anderer Religion, lieben es, modisch zu sein. Einige Marken Dessous-Läden in der muslimischen Welt berichten über doppelte Umsätze im Vergleich zu den Filialen in Nordamerika. Die Frauen da bevorzugen lange Gewänder, es wurde also eine spezielle Dessous-Serie zum Ramadan entwickelt.

In den Läden sieht es jedoch ganz anders aus. In Saudi-Arabien haben die Läden keine Umkleidekabinen, bis 2010 konnten nur Männer in vielen von ihnen arbeiten, vor allem in Saudi-Arabien. Und die Anzeigen in Saudi-Arabien und Kuwait zeigen keine Modelle - nur Dessous. Aber all das hat die Verkaufszahlen nicht verlangsamt.

"Es ist ein verbreiteter Irrtum, dass muslimische Frauen nicht modisch sind oder kein Interesse an glamouröser Kleidung haben", sagt Alia Hogben, der Geschäftsführer des Kanadischen Rates der muslimischen Frauen. "Die Nachfrage nach Dessous war wahrscheinlich immer da, vor allem in den reicheren arabischen Ländern. Nur weil Frauen in der Öffentlichkeit auf der Straße verschleiert sind, bedeutet es nicht, dass sie sich unter der Kleidung nicht spektakulär ankleiden. Die Philosophie ist, dass sich die Frauen dort nicht für die breite Öffentlichkeit kleiden, damit die Welt sie betrachtet, aber für ihre Familie und Freunde kleiden sie sich wunderschön an. Sie haben herrliche Frisuren, tragen prächtigen Schmuck und sie lieben Dessous“, so Alia Hogben.

Westliche Unternehmen haben den Nahen Osten als eine Region identifiziert, die sich für ein internationales Wachstum in Sachen Dessous eignet, weiterhin wachsen wird und von der man Einiges lernen kann. Unter muslimischen Frauen in den arabischen Ländern besteht eine (unerwartet) starke Nachfrage nach sexy Dessous von kanadischen Einzelhändlern, vorzugsweise mit Rüschen, . Unter ihren Abayas (Übergewänder) und Schleier tragen Frauen in den arabischen Ländern offenbar die gleichen gewagten Dessous wie Frauen in Kanada. Frauen in Saudi-Arabien sind "sehr modebewusst", sagt der Vize-Präsident des kanadischen Einzelhändlers „La Vie en Rose“, Luc Poirier. "Der einzige nennenswerte Unterschied bezüglich des Stils besteht in Nachthemden, die für unsere arabischen Kundinnen länger sind, bis unterhalb der Knie." Das in Montreal ansässige Unternehmen verdiente im Jahre 2011 bereits 10 Prozent seines 150 Millionen kanadischen Dollars Jahresumsatz von 55 Filialen in Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Kuwait, Libanon, Jordanien, Ägypten, Algerien, Marokko und Kasachstan.

Auf den ersten Blick erscheint Saudi-Arabien als einen schwierigen Markt für sexy feminine Unterwäsche. Die Einhaltung einer strengen konservativen Kleiderordnung, definiert von Islam und Stammes-Bräuche, die verbieten, dass Frauen Haut in der Öffentlichkeit zeigt, macht der Einsatz von Werbung problematisch. In Geschäften dürften nur Männer als Verkäufer arbeiten und es gibt keine Umkleideräume für Frauen, um Dessous anzuprobieren.

Doch dies hat sich geändert. Ab September 2012 dürfen Frauen in Saudi-Arabien an Kommunalwahlen teilnehmen und es steht denen ein breiteres Spektrum von über 40.000 Arbeitsplätzen zur Verfügung, einschließlich im Einzelhandel. Denn der König von Saudi-Arabien Abdullah erließ seit 2012 persönlich ein Dekret, wodurch nur noch Frauen Unterwäsche und Dessous verkaufen dürfen. Dies bedeutet, La Vie en Rose kann endlich weibliche Verkäuferinnen rekrutieren, damit sie als Angestellte für eine meist weibliche Kundschaft in dem Land dienen können.

Aktuell ist in Saudi-Arabien gesetzlich geregelt, dass die weiblichen Verkäuferinnen verpflichtet sind, einen Hijab und Kleider zu tragen, indem es den Männern das Betreten in den Dessous-Läden verboten ist. Auto zu fahren ist den Frauen in Saudi-Arabien nicht gestattet, und um arbeiten zu gehen oder zu reisen ist die Erlaubnis des Ehemannes oder alternativ eines anderen männlichen Vormundes nötig. Etwa 385.000 saudische Frauen, die durch eine Ausbildung qualifiziert sind zu arbeiten, sind jedoch arbeitslos.

Doch es gibt sie, die starken Frauen in der arabischen Welt, die Tabus brechen und in die männliche Welt eindringen, um sich zu behaupten und für ihre Rechte zu kämpfen. Sie kommen aus Saudi-Arabien, Ägypten, Libanon und sind beispielweise in der Gestalt von Manal al-Sharif vertreten, die Kampagnen wie „Women to drive“ ins Leben rief und als Ikone der Frauenbewegung in Saudi-Arabien sich gegen starre, veraltete Vorschriften in einer von den Männern dominierten Gesellschaft in ihrem Heimatland wehrt.